Artista | Maria Chiariello

Absicherung als Künstler – Bedürfnis nach Sicherheit oder Illusion?

Artista | Maria Chiariello

15. Mai 2024

„Keine Macht beraubt den Geist so sehr seiner Handlungs- und Denkfähigkeit wie die Angst.“ – Edmund Burke

Safety first

Erst neulich hab ich es wieder gelesen „ich mache Kunst nur nebenbei, damit ich nicht gezwungen bin jeden Auftrag annehmen zu müssen. Für mich bedeutet das künstlerische Freiheit.“

Künstler*innen bezeichnen es gern als Privileg nicht von ihrer Kunst leben zu müssen. Aber ist dem so? Ist es wirklich ein Privileg einer hauptberuflichen Tätigkeit in Form einer Festanstellung nachzugehen und die Kunst an zweite Stelle zu stellen und nur nebenbei auszuüben?

Angst

Was dem „Brotjob“ häufig zugrunde liegt, ist die Angst von der eigenen Kunst nicht leben zu können. Manche würden sagen: eine berechtigte Angst, schließlich ist es nicht einfach als selbstständiger Künstler. Das mag sein, aber ist es nicht genauso unsicher einer Festanstellung nachzugehen, welche von heute auf morgen weg sein könnte?

Wenn wir einmal genauer hinschauen, dann werden wir feststellen, dass die „Sicherheit“, die häufig mit einer Festanstellung in Verbindung gebracht wird, nichts weiter als eine Illusion ist. Die Wahrheit ist, dass nichts wirklich sicher ist. Als Menschen leben wir in stetiger Unsicherheit – und 2020, während der Corona-Pandemie – wurde vielen Menschen dies in Form von subjektivem Kontrollverlust schmerzlichst deutlich.

Sicherheit als Grundbedürfnis

Der Wunsch nach Sicherheit ist ein fundamentales, menschliches Grundbedürfnis. Einst diente es dazu, das Überleben unserer Vorfahren zu sichern, in dem sie in stetiger Vorsicht lebten. Heute leben wir in einer weitaus sichereren Umgebung, aber dennoch ist das Grundbedürfnis geblieben.

Wir schließen Versicherungen über Versicherungen ab, um uns vor potenziellen Schäden abzusichern. Wir setzen Verträge mit seitenlangen Geschäftsbedingungen auf, um uns vor Eventualitäten zu schützen. Wir verlassen das Haus nicht ohne Regenschirm, wenn wir dunkle Wolken am Himmel sehen…

Das Bedürfnis nach Sicherheit wird für viele Menschen zum Wunsch, Dinge kontrollieren zu wollen, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden.

Es ist auch der Wunsch nach Sicherheit, der uns zu der Annahme führt, dass ein unbefristeter Arbeitsvertrag sicherer sei als beispielsweise die Selbstständigkeit im künstlerisch-kreativen Bereich. Die Angst vor der Selbstständigkeit führt uns zu dieser Annahme.

Dabei ist diese Sicherheit nur ein Konstrukt. Wahre Sicherheit im Außen kann es nicht geben. Lebend hat es noch niemand hier raus geschafft. Wir sind nicht sicher vor Veränderungen, egal wie sehr wir versuchen uns davor abzuschirmen.

Sicherheit führt zu Angst

Wer immer nur versucht möglichst jeglichen Risiken zu trotzen, wird irgendwann feststellen, dass er ein Leben in stetiger Angst führt. Angst, seine Sicherheit(en) zu verlieren.

Wer die Festanstellung der Selbstständigkeit vorzieht, fürchtet sich insgeheim vor den Herausforderungen, die mit der Selbstständigkeit einhergehen können.

Um potenziellen Risiken aus dem Weg zu gehen, wird so jemand den „sicheren“ (meist bekannten) Weg dem unbekannten vorziehen. Sicherheitsbedürftige Menschen leben häufig in der sogenannten „Komfortzone“, in dem sie das Gefühl haben, Kontrolle über ihr Leben zu haben.

Die Komfortzone umfasst vertraute Orte, bekannte Personen und gewohnte Handlungen. Wer sich nur noch in der Komfortzone bewegt, bleibt lieber in bekannten Abläufen und vermeidet Veränderungen. Diese Bequemlichkeit kann dazu führen, dass das volle persönliche Potenzial nicht ausgeschöpft werden kann. Erst, wer sich traut, Neues zu wagen, kann persönlich wachsen und neue Horizonte entdecken. Es lohnt sich die Komfortzone hin und wieder zu verlassen, wenn du dich nicht festfahren willst.

Heutzutage blickt laut Studien jeder Zweite Deutsche besorgt auf die Zukunft und fürchtet sich vor dem, was kommen kann. Viele haben Angst vor terroristischen Anschlägen und der Kriminalität Geflüchteter.

Dem zugrunde liegt laut Gesellschaftsforschern aber etwas Fundamentales: die tiefliegende Befürchtung, dass das Leben nicht immer gut zu einem sein könne. Dass Wohlstand vergänglich sei und berufliche Stellungen nicht erreicht werden und/oder verloren gehen könnten. Es sei die Ahnung, dass das Gute zerbrechlich und flüchtig sei. Es ist also letztlich die Ungewissheit im Hinblick auf die Zukunft, die viele Menschen in Deutschland quält.

Dabei ist es aber eben genau das, was wir als Menschen akzeptieren müssten, um ein entspannteres Leben zu führen: Dass die Dinge eben ungewiss sind. Es ist ein Trugschluss alles kontrollieren und absichern zu wollen, da diese Sicherheit letztlich nur eine Illusion ist. Leben bedeutet Veränderung.

Es gibt mehr als nur Sicherheit

Neben dem Grundbedürfnis nach Sicherheit gibt es noch vier weitere. Das diesbezüglich bekannteste Modell ist die Bedürfnispyramide von Maslow, welche die menschlichen Grundbedürfnisse als Hierarchiepyramide darstellt. Die physiologischen Bedürfnisse stellen hier die unterste Ebene und Basis der Pyramide dar. Erst danach folgen (von unten nach oben) Sicherheit, soziale Bedürfnisse, individuelle Bedürfnisse und die Selbstverwirklichung.

Persönlich stehe ich Maslows Pyramidenmodell kritisch gegenüber. Trotzdem wird bereits in dieser vereinfachten Betrachtungsweise deutlich, dass Sicherheit weder das einzige noch wichtigste, menschliche Bedürfnis darstellt.

Individuelle Bedürfnisse (Vertrauen, Wertschätzung, Selbstbestätigung, Erfolg, Freiheit und Unabhängigkeit) und Selbstverwirklichung (Talent, Kreativität, Potenzial) sind ebenso fundamentale Bedürfnisse, die bei Künstler*innen besonders ausgeprägt sind. Daher wird dies natürlich zum Konflikt führen, wenn die Sicherheit an oberste Stelle gestellt wird und ihr die anderen Bedürfnisse untergeordnet werden.

Kompromiss?

Viele Künstler*innen leben diesbezüglich – aus Angst und vermeintlichem Sicherheitsdenken – einen Kompromiss. An oberste Stelle ihres Lebens setzen sie ihre Existenzsicherung in Form eines Angestelltenverhältnisses (liebevoll als „Brotjob“ bezeichnet), während diesem ihr Bedürfnis nach Individualität und Verwirklichung (Kunst) untergeordnet wird.

Das als „Privileg“ oder „künstlerische Freiheit“ zu bezeichnen, ist für viele nachträglich die Art, es vor sich selbst zu legitimieren, um sich eben nicht einzugestehen, dass ihnen schlicht der Mut fehlt, um ihre Kunst hauptberuflich auszuüben. Egal wie es um die Lebensumstände und Ressourcen in dem Moment steht, letzten Endes ist es immer eine Frage des Mutes, ob sie das Abenteuer wagen oder nicht. 

Fakt ist: Sie haben sich aufgrund von Annahmen und persönlichen Gründen für einen Weg entschieden, den sie für den individuell richtigen hielten. Genauso gut gibt es auch andere potenzielle Wege.

Es wäre auch durchaus möglich seine, Existenz durch seine Kunst zu sichern. Das würde einen Brotjob obsolet machen. Selbstständigkeit ist nicht per sé unsicherer als eine Anstellung.

Genauso wäre es möglich, dass eine Festanstellung sich als „unsicher“ herausstellt, weil sie schlecht bezahlt ist, Stunden gestrichen werden oder die fristlose Kündigung eintrudelt. Denkbare Szenarien, bei denen die vermeintliche Sicherheit von jetzt auf gleich futsch ist – und das ganz ohne Kunst als Sündenbock.

Verantwortung übernehmen

Der Kunst immer wieder den Schwarzen Peter in Form von „Brotlosigkeit“, oder „harten/prekären Arbeitsbedingungen“ etc.pp. zuzuschieben, ist letztlich auch nur ein Konstrukt. Der Kunstsektor kann sowohl lukrativ als auch unlukrativ sein. Man kann darin Karriere machen, sowie auch kläglich scheitern. Am Ende hängt es immer von dir und dem Zusammenspiel mit verschiedenen äußeren Faktoren ab.

Das Gleiche gilt für die Selbstständigkeit: Selbstständigkeit kann hart sein und den letzten Nerv kosten oder ein Eldorado der eigenen Verwirklichung.

Sachen können gut als auch schlecht laufen. Letztlich bist du dafür verantwortlich, was du daraus machst.

Ich beobachte immer wieder Künstler*innen, welche die eigene Verantwortung gerne von sich weisen, indem sie es so darzustellen, als wären da äußere Kräfte am Werk, die willkürlich auf sie einprasseln würden. Gerne wird so getan, als wäre man dem harten Kunstbusiness machtlos ausgeliefert und sei schon im Vorfeld dazu verdammt in Armut zu leben. Ich höre schon den mantraartigen Einwand „Aber nur 5 % aller Künstler*innen können wirklich von ihrer Kunst leben.“ – Ich sage: wunderbar, dann arbeite daran zu den 5 % zu gehören!

Der Kunstmarkt ist keine ominöse, personifizierte Gestalt, die dir entweder wohlgesonnen oder abgeneigt ist. Wenn du dich künstlerisch selbstständig machst, dann bist du Teil dieses Kunstmarktes. Es liegt an dir, die Möglichkeiten, die dort sind, bestmöglich zu nutzen. Darüber hinaus gibt es nicht nur den Kunstmarkt. Ich habe auf meinem Blog bereits etliche Artikel, welche Möglichkeiten für Künstler*innen aufzeigen, die außerhalb des Kontextes von Kunst liegen.

Ich denke, die bittere Wahrheit vor dem viele Künstler gerne weglaufen, ist die, dass es letztlich auch in ihrer Hand liegt, wie erfolgreich sie mit ihrer Kunst werden. Menschen, die ihre Sicherheit extrem hochhalten, disqualifizieren sich bereits im Vorfeld, weil ihnen im Vorfeld schon der Mut fehlt, es überhaupt zu versuchen. Das sind dann diejenigen mit zerplatzten Träumen, die dir erzählen, dass sie gerne Künstler wären, wenn denn das Geld (oder ein anderer Umstand) nicht wäre…

Andere schaffen es immerhin ein Stückchen weiter, wagen womöglich den Schritt in die kreative Selbstständigkeit und bauen sich mit Ach und Krach etwas Solides auf, werden aber nicht müde, immer wieder zu betonen, wie hart dieses Leben doch sei. Somit sind sie offensichtlich auch nicht wirklich glücklich, weil sie womöglich mehr gewollt hätten, aber sich tief in ihrem Inneren darin bestätigt sehen, zu den 95 % zu gehören, von denen sie ausgingen, dass sie es sowieso zu nichts bringen würden… Für jene trifft damit die selbsterfüllende Prophezeiung ein. 

Deine Einstellung ist entscheidend

Selten treffe ich auf Künstler*innen, die zielstrebig einen Weg gehen und ihre Ziele voller Zufriedenheit erreichen – und wenn, dann sind es ausnahmslos Menschen mit einer positiven Grundeinstellung und dem unerschütterlichen Glauben an sich selbst und dem, was sie damit erreichen können. Es sind so gut wie nie risikoaverse Charaktere, die hauptsächlich einer Festanstellung nachgehen und nebenbei ein bisschen Kunst machen. Es sind Menschen, die Kunst priorisieren, eigenverantwortlich handeln und mit Offenheit an Dinge herangehen, die Durchhaltevermögen zeigen und denen bewusst ist, dass sich etwas aufzubauen ein Marathon und kein Sprint wird. Solche Charaktere haben verstanden, dass Unsicherheit (Risiko) einfach dazugehört, wenn du etwas erreichen willst. 

Schau dir einmal Künstlerbiografien an und evaluiere, ob auch nur ein einzelner dieser Künstler*innen aus seiner Komfortzone heraus so erfolgreich geworden sei, ohne Risiken einzugehen und Entbehrungen in Kauf zu nehmen.

Es gibt einen Grund, weshalb du künstlerisch stehst, wo du stehst. Dabei ist es vollkommen egal, ob der Grund „Sicherheitsbedürfnis“, „Angst“, oder „fehlender Mut“ lautet. Fakt ist, dass dies deine individuelle Wahl ist, für die weder der Kunstmarkt, noch die Kreativbranche, die Selbstständigkeit oder sonst wer verantwortlich ist.

 

Fazit

Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Fehlende Sicherheit kann zu einer Belastung werden. Doch ist der Wunsch nach Sicherheit zu stark und dominiert unsere Weltsicht, dann treffen wir von Angst motivierte Entscheidungen und ordnen andere Bedürfnisse und Wünsche dem Bedürfnis nach Sicherheit unter. Um Risiken und potenzielle Fehlschläge zu vermeiden, wird die Komfortzone immer seltener verlassen. Träume oder Visionen außerhalb dieser Komfortzone kommen für sicherheitsbedürftige Menschen nicht mehr infrage. Die Angst, Sicherheit einzubüßen, bestimmt das Leben solcher Menschen.

Viele Künstler*innen fürchten sich vor der künstlerischen Selbstständigkeit, weil sie Angst haben ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Sie glauben nicht daran, dass sie sich künstlerisch etwas aufbauen können, was einem festen Gehalt nahekäme. Die Schuld wird dann häufig im Außen gesucht: schuld sei der Kunstmarkt, die prekären Arbeitsbedingungen, die schlechten Chancen u. v. m.

Eine selbstverantwortliche Sicht würde bedeuten, anzuerkennen, dass der Kunstmarkt sowohl Herausforderungen als auch Chancen mitbringt. Und sich dessen bewusst zu sein, dass der eigene Erfolg (und Nicht-Erfolg) auch von denen eigenen Handlungen abhängt. 


Weiterführende Links:

https://www.geo.de/magazine/geo-wissen/58-rtkl-angst-die-sehnsucht-nach-sicherheit

https://de.wikipedia.org/wiki/Komfortzone

https://humanprotect.de/die-illusion-von-sicherheit-und-kontrolle/

https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bed%C3%BCrfnishierarchie

Artista | Maria Chiariello

Ich bin Berufskünstlerin und Mentorin. Hier schreibe ich über künstlerisch-kreatives Potenzial in beruflichen Kontexten. Ich freue mich, wenn ich inspirieren kann.

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