Das hätte ich gern früher gewusst!

Learnings aus meiner kreativen Freiberuflichkeit

26.04.2024

zwei Schilder, One Way
Der Künstlerweg ist nicht leicht | Bild: Brendan Church

Ich komme aus der darstellenden Kunst.

Zu meinen Kunden zählten lange Jahre Veranstalter, Kulturdirektionen, Bildungseinrichtungen, Vereine, Initiativen. Deutschlandweit bin ich über 10 Jahre lang mit eigenen Programmen umhergetourt, bevor ich entschieden habe, meine Kunst nicht mehr als Programmpunkt zu verkaufen.

Die erste Sache, die ich gern bereits am Anfang meiner künstlerischen Laufbahn gewusst hätte:

1. Mach es dir nicht unnötig schwer und drösele deine Projekte nicht in ihre Einzelteile auf!

Ganz ehrlich, es mussten mehrere Jahre ins Land gehen, bis ich so langsam einen Weg gefunden habe, wie ich meine Projekte auf drei reduzieren und sie miteinander verbinden konnte. Denn in gewisser Art und Weise sind es auch nur drei Seiten ein- und derselben Sache. Es dreht sich stets um Kunst, Kultur und künstlerisches Schaffen. Mal aktiv auf der Bühne, mal passiv aus unternehmerischer Perspektive und dann als Medium, um kulturelle Teilhabe zu fördern. Stattdessen existierten zeitweise 8 Webseiten, verschiedenste Künstlerprofile, insgesamt eine Handvoll Social-Media-Profile (jeweils auf verschiedensten Plattform!), die alle parallel bespielt wurden. Kurzum: ich habe verdammt viel Arbeit darin versenkt, diese Infrastruktur überhaupt erst aufzubauen und am Laufen zu halten.

Ich rate dir also, wenn du mehrere Projekte hast, dann versuch‘ diese unbedingt unter einen Hut zu kriegen. Wenn du eher von dir aus, statt von den Projekten aus, kommunizierst, dann ist es wesentlich leichter, deine Inhalte zusammenzuführen. Stichwort: Personal Branding. Du wirst zum Dreh- und Angelpunkt und vereinst deine Projekte. Es wird nicht immer möglich sein, all deine Projekte gleichermaßen vorzustellen oder in einem Atemzug zu nennen. 

Stell dir vor, du bist auf einem Netzwerktreffen und jemand fragt dich, was du machst. Du willst demjenigen nicht erst ein Ohr abkauen und deine drölf „Unternehmen“ nennen (das kann sich dein Gegenüber ohnehin nicht merken!), sondern du willst einen Überblick über dich und deine Angebote geben. 

2. Konzentriere dich auf eine Sache und mach diese richtig!

Ja, der Rat ist wirklich essenziell! Ich bin im Laufe der Zeit so viele Umwege in meiner künstlerischen Entwicklung gegangen und bin noch lange nicht dort, wo ich gern wäre. Obgleich ich teilweise seit Jahren weiß, was nötig wäre, um künstlerisch einen erheblichen Fortschritt zu erzielen, ist mir dieser bis dato noch nicht gelungen. Schuld daran sind u.a. die vielen verschiedenen Projekte, von denen ich mich immer wieder habe vom Fokus abbringen lassen. Womöglich aber auch, weil ich lange Zeit nicht wirklich wusste, welcher mein Fokus denn überhaupt sei. 

Daher kann ich dir wirklich ans Herz legen, falls du zwei künstlerische Projekte hast, die sich von Grund auf unterscheiden, dann entscheide dich für eines, mach dieses zu deiner Priorität und widme diesem deine ganze Zeit und Energie. Nur so kannst du in absehbarer Zeit richtig gut werden und damit etwas erreichen. Alles andere zieht es nur unnötig in die Länge und wird Umwege bedeuten.

3. Nimm jede Bühne mit, die sich dir bietet!

Hier will ich jetzt sehr ehrlich sein. Es gab eine Zeit, da stand mir mein Ego künstlerisch extrem im Weg. Bereits zu Beginn hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung, auf was für Bühnen ich auftreten wollte und auf welchen nicht. Viele kleine Orte, Dorffeste oder heruntergekommene Clubs wurden von mir grundsätzlich als „Spelunken“ abgetan und gemieden. Ich hatte das Gefühl, dass ich bzw. meine Performance in einen glamourösen Rahmen gehöre.
Dadurch habe ich viele Auftritte ausgeschlagen, Geld liegen lassen und – das ist das Entscheidende – habe die Bühne nicht genutzt, um mich künstlerisch weiterzuentwickeln.

Es ist schön und gut, hoch hinauszuwollen, ambitionierte Ziele zu haben und ein gesundes Ego – aber zu Beginn ist es als Liveperformance-Künstler*in entscheidend, dass du viel und häufig vor Publikum spielst. Am besten täglich! Denn nur dann kannst du richtig gut werden.
Jede Bühne ist es wert, mitgenommen zu werden – das weiß ich heute.

Ich rate dir also, stell dein Ego unbedingt hinten an, Sch*** auf die Location, mach dein Ding, spiel für die Menschen – nur dann kannst du dich wirklich weiterentwickeln.

4. Lass dir den Spaß nicht durch die äußeren Umstände kaputt machen!

Den Spruch würde ich mir heute gern an die Stirn tackern. Ihr könnt euch nicht vorstellen, welch emotionale Berg- und Talfahrten ich im Laufe der Zeit ganz besonders in Bezug auf meine Showfigur durchgemacht habe. Es gab so viele Momente, nach missglückten Auftritten oder bescheidenem Feedback aus dem Publikum, da hätte ich am liebsten das Handtuch geschmissen und mir ’nen Job als Lamazüchterin in Ecuador gesucht. Glücklicherweise ist mein Partner auch noch da und lässt es sich nicht nehmen, ein Wörtchen mitzureden. Womöglich ist er der Grund, weshalb ich den Bums noch heute mache – und mir so langsam meine Freude zurückhole.

Liebe Leute, es wird schlechtes Feedback regnen, ihr werdet mit A*löchern zu tun haben, ihr werdet schnell lernen, Kunden oder Publikum sind nicht eure Freunde, sondern häufig gnadenlos unverschämt und respektlos. Wenn ihr in der Kreativwirtschaft unterwegs seid und euch als Dienstleister anbietet, dann werdet ihr auch als solche behandelt werden. Das wird an euren Nerven zehren. Es wird zur Zerreißprobe. 

Daher mein Rat: lasst euch durch nichts und niemanden auf der Welt den Spaß an der eigentlichen Sache – eurer Kunst – nehmen. Das gibt euch keiner wieder zurück. Euch die anfängliche Euphorie und den Spaß wieder zurückzuholen, ist ein langwieriger Prozess. (Ich spreche aus Erfahrung).

Heute hab ich verstanden, es war nie meine Kunst, die mich fertiggemacht hat, sondern die Umstände, unter denen ich diese Kunst gemacht habe. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Umstände lassen sich ändern.

In dem Sinne, keep on rocking!